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Energiepolitik des Versagens

06.08.2018
 

Klimawandel programmiert

Politik des Versagens Teil 4: Energiepolitik

Modifizierung vom 6. August 2018:

In der Lausitz kämpfen Bewohner eines kleinen 700 Jahre alten Dorfes um ihre Heimat, die demnächst den Riesenbaggern der regionalen Braunkohleförderung zum Opfer fallen wird. Wie immer macht die Politik nichts, da man fürchtet Arbeitsplätze zu verlieren. 

Der Schwachsinn der extrem klimaschädlichen Braunkohleverbrennung geht also ungebremst weiter. 

Die Alternative wäre, in der Lausitz innovative Firmen anzusiedeln und zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen. In der Lausitz liegt auch das Siemens Gasturbinenwerk in Görlitz, das aufgrund von Auftragsmangel bei hocheffizienten Gasturbinen in die Krise geraten ist. 

Immerhin hat der im Ruhrpott beheimatete Energiekonzern STEAG begriffen, dass man etwas gegen den klimaschädlichen Ausstoß von CO2 tun muss und beabsichtigt von der Fa. Siemens ein 600 MW Gaskraftwerk errichten zu lassen. Ziel der Inbetriebnahme: 2022. Bin gespannt wie viele Einsprüche von Seiten besorgter Individuen, von Umwelthilfen, Linken und  selbst ernannten Schützern des Borkenkäfers vor Gericht geltend gemacht werden, um zu verhindern, dass ein modernes Kraftwerk gebaut werden kann. 

Zum Ausstieg aus der Kohlepolitik schreibt Die Welt: 

Die klimaschädlichen deutschen Braunkohlekraftwerke könnten durch die bestehenden Gaskraftwerke ersetzt werden, ohne damit die Stromversorgung zu gefährden. Das ist das Ergebnis einer Studie der RWTH Aachen.

Wie heißt es im Sprichwort: Oh Himmel, lass Hirn herabregnen!

Beim größten deutschen Rückversicherer der München Re scheint das Sprichwort schon Erleuchtung gebracht zu haben. So schreibt die FAZ vom 05. August 2018:

Künftig will der Münchner Konzern die eigene Klimastrategie an das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens knüpfen. ….Weil unter fossilen Brennstoffen Kohle für den größten Anteil an klimaschädlichen CO2 Emissionen verantwortlich ist, will die München Re weder in Aktien noch Anleihen von Unternehmen investieren, die mehr als 30% ihres Umsatzes mit Kohle erzielen.

"Und… wo wir Risiken genau sehen… im Grundsatz keine neuen Kohlekraftwerke oder -minen in Industrieländern mehr versichern."

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Ok, wir haben in Europa viel erreicht. Überall stehen Windkraftanlagen, große ehemals landwirtschaftlich genutzte Flächen, Haus- und Scheunendächer sind mit Solarpanels gepflastert. Der Anteil der erneuerbaren Energie steigt von Jahr zu Jahr. 

Und trotzdem bekommen wir die zunehmenden Klimaveränderungen nicht in den Griff. Der aktuelle Sommer scheint der Vorbote schwerwiegender klimatischer Veränderungen zu sein.

Was hat das mit Politik zu tun werden Sie fragen? Die Antwort lautet: zu wenig, zu langsam, falsche Konzepte.

Gehen wir in das Jahr 1995 zurück.  Da heißt es in dem Buch „Handbuch Kernenergie“, Kompendium der Energiewirtschaft und Energiepolitik:

„Wenn die, vor allem durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas verursachten Emissionen von Treibhausgasen weiterhin wie bisher ansteigen ... wird sich die mittlere Temperatur der Atmosphäre bis 2100 um 2,5°C bis 3°C und insgesamt absehbar um 4,5°C erhöhen… Alle Untersuchungen auch der jüngsten Zeit bestätigen diese breitgefächerte Prognose.“

Aus heutiger Sicht nichts Neues, diese Erkenntnis ist allerdings mindestens 23 Jahre alt. 23 Jahre in denen zu wenig oder das falsche getan wurde. Weiter im Text dieses sehr interessanten Buches: 

„Offenbar führt der atmosphärische Treibhauseffekt zur schwerwiegendsten aller voraussehbaren Umweltkatastrophen.“ 

Die Auswirkungen wie sie schon 1995 gesehen wurden kurz zusammengefasst:

- Die Trockenzonen werden um 100 km nach Norden vordringen

- Der Meeresspiegel wird um 30 bis 120 cm ansteigen

- Die Witterungsextreme werden sich verschärfen

- Die Wälder der gemäßigten und kalten Zonen werden in Mitleidenschaft gezogen

und jetzt der Hammer unter den Vorhersagen:

- Bei einer um 1,5 bis 2% p.a. wachsenden Weltbevölkerung ist als Folge dieser nachhaltigen Änderungen des Weltklimas … mit Völkerwanderungen in bislang nicht gekanntem Umfang zu rechnen.

Seit dem ist viel Gletscherschmelzwasser den Rhein hinuntergeflossen, getan hat sich wenig, außer, dass die CO2 armen Atomkraftwerke in DE Zug um Zug abgeschaltet wurden. Jetzt keine vorschnellen Schlüsse. Zum Thema Kernkraft kommen wir später.

Wir schauen uns zuerst die Wirkung der einzelnen Komponenten der klimaschädlichen Treibhausgase an:

Kohlendioxid, CO2, Wirkungsanteil ca. 50 % Zunahme pro Jahr 0,5 bis 1%, entsteht durch fossile Verbrennung (Autos, Kraftwerke, Heizöfen, offene Feuer), durch Bodenerosion, Waldrodung, Wald- und Buschbrände

Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe, FCKW, Wirkungsanteil 19%, Zunahme pro Jahr 4% Treibmittel, Klimaanlagen, Kunststoffverarbeitung, 

Methan – CH4, Wirkungsanteil 15%, Zunahme 1,5% p.a. intensive Landwirtschaft, Großviehhaltung, Verbrennung von Biomasse, aus Erdgaslecks, Auftauen von Permafrostböden

Weitere Faktoren mit geringerem Wirkungsanteil: Ozon, Stickstoffoxide

Aus obigen Daten können wir schon mal ein paar Schlüsse ziehen:

1. Da CO2 mit 50% den höchsten Wirkungsanteil am Treibhauseffekt der Spurengase hat, muss mit Nachdruck die Verbrennung fossiler Brennstoffe reduziert werden. Zitat aus o.g. Buch:

Dies ist und bleibt der Kernsatz jeder Politik zur Eindämmung des Treibhauseffektes und damit zur Stabilisierung unseres Klimas“

Nachdem wir schon Daten aus 1995 heranziehen, stellt sich die Frage was wir in Deutschland hätten tun können:

1. Ausbau erneuerbarer Energien: Wind, Sonne, Wasserkraft, ok, hier waren wir mal Vorreiter und sind in Summe nicht schlecht aufgestellt.

2. Abschaltung der Braunkohlekraftwerke und der Braunkohleförderung auch mit der Konsequenz auf Arbeitsplätze. Nichts passiert.

3. Schrittweise Stilllegung von Steinkohlekraftwerken. Umstellung auf gasbefeuerte Gas- und Dampfkraftwerke (GuD Kraftwerke). Mehr oder weniger nichts passiert, weil Strom aus Gaskraftwerken teurer ist als aus Steinkohleverstromung.

4. Rationellere Energieverwendung in Industrie und Privathaushalten: Viele Anstrengungen, angefangen von Energiesparmotoren bis hin zu Küchengeräten.

5. Verkehr, ein unrühmliches Kapitel der deutschen Energiepolitik. Mehr dazu im Detail später.

6. Erhalt der Stromerzeugung aus der Kernenergie: provokant, mehr dazu später

Ein paar Zahlen um Effekte einordnen zu können: 

Setzen wir bezogen auf die erzeugte Energiemenge die bei der Verbrennung von Steinkohle erzeugte Menge an CO2 zu 100%, dann bekommen wir folgende Werte:

Steinkohle: 100%

Braunkohle: 121%

Erdöl:  88%

Erdgas:  58%

Aha, wir könnten also den CO2 Ausstoß aus Verbrennung von fossilen Brennstoffen um locker ca. 50% senken bei der Umstellung von Kohle auf Gas.

Gas, aha, kommt das nicht aus Russland? Dem Erzfeind auch noch sein Gas abkaufen. Dann doch lieber  Gas aus Fracking Anlagen aus den USA, oder? Wäre doch ein Argument um sich mit Mr. President Donald Trump besser zu stellen.

Leider Fehlschluss. Wir haben oben schon unbewusst einen Effekt beschrieben, der massiv auf den Treibhauseffekt wirkt: Methan, das in die Atmosphäre entweicht. Der Wirkungsanteil mit 19% ist geringer als der von Kohlendioxid, aber nur weil die Mengen geringer sind. Das Methangas, das in die Atmosphäre gerät, ist 28 mal klimaschädlicher als die vergleichbare Menge Kohlendioxid. Weltweit gibt es mehr als 10.000 Gigatonnen Methangas und verwandte Gashydrate. Mehr als alle anderen fossilen Brennstoffe zusammen. 

Wenn wir Wärmeenergie oder elektrische Energie aus Methangas erzeugen, dann entsteht bei der Verbrennung Kohlendioxid, das aber wesentlich weniger schädlich ist wie das Methan selbst, wenn es in die Atmosphäre entweicht. Aber das tut Methan: permanent und zunehmend. Aus den Permafrostböden in der Arktis, in Sibirien, aus den sich erwärmenden Ozeanen. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf mit verheerenden Folgen. 

Also: Fossile Kraftwerke sofort auf Erdgas (Methan) umstellen! Und die Kohle da lassen wo sie ist, im Boden!

Mit der Umstellung von Kohle bzw. Erdöl auf Gaskraftwerke kommt noch ein weiterer Effekt hinzu: die Gas- und Dampfkraftwerke (GuD Kraftwerke) haben heute den höchsten Wirkungsgrad, größer 60%,  aller thermodynamischen Energiewandler.

Es gibt im bayrischen ein ganz tolles GuD Kraftwerk, Irsching, hält den Weltrekord beim Wirkungsgrad. Das Kraftwerk läuft nur nicht, weil Strom aus Stein- und Braunkohle viel billiger ist.

Wenn die Nordsee an der Grenze zum Ruhrpott steht und die Kohlegruben überflutet, wird man sich vielleicht an Irsching erinnern.

Es gibt einen weiteren schwerwiegenden Kreislaufeffekt: Trockenheit und daraus resultierende Wald- und Buschbrände. 

Ok, dass der Regen in Kalifornien seit Jahren mehr oder weniger ausbleibt, dafür kann der heimische SUV Fahrer ja nichts. Aber: es werden durch die Waldbrände Jahr für Jahr hunderte von Millionen Tonnen an fossilem Material verbrannt und es entstehen hunderte von Millionen Tonnen CO2 und andere Schadstoffe, die die schädlichen Klimaeffekte weiter verstärken, und es gibt noch mehr Brände und noch mehr CO2 , weil es immer heißer und trockener wird. 

Und wegen der zunehmenden Weltbevölkerung werden immer mehr Wälder gerodet, für Viehzucht, Palmölplantagen, Sojabohnen- und Maisfelder etc. Rodung in den meisten Fällen heißt schlicht: Abfackeln! Also wieder CO2

Noch ein Kreislaufeffekt: in vielen Gegenden der Welt (Golfstaaten, Saudi Arabien, Irak, Indien, USA) ist ein Leben und Arbeiten im Sommer nur in vollklimatisierten Gebäuden möglich. Zum Betreiben der Klimaanlagen werden irrsinnige Mengen elektrischer Energie, die aus fossilen Kraftwerken stammen, in kühle Luft umgesetzt. Dabei erzeugen die Klimaanlagen noch mehr Wärme, d.h. der Gesamtenergiehaushalt ist eine einzige Katastrophe.

Kommen wir mal wieder zur Politik:

Es gab da mal so etwas wie den Atomkonsens aus dem Jahr 2000 (Novellierung des Atomgesetzes). Wurde 2007 von der damaligen schwarz-gelben Regierung wieder außer Kraft gesetzt, bis 2011 der Tsunami vor Fukushima die nukleare Katastrophe im dortigen Kernkraftwerk herbeiführte und in Baden-Württemberg eine Niederlage der Regierung unter H. Mappus drohte, weil die Grünen erstmalig vor dem Gewinn einer Landtagswahl standen. Also Schwupps, mit Vehemenz und ohne Beachtung irgendwelcher bestehenden Gesetze etc.: Frau Merkel erklärt den Atomausstieg. 

Dass das Kraftwerk in Fukushima mit deutschen Kernkraftwerken ungefähr so vergleichbar ist wie japanisches Sushi mit deutschem Bismarckhering störte niemand. Außerdem sind Tsunami an Rhein, Weser und Donau eher selten.

Deshalb die Frage an die deutsche Politik: Warum wird nicht mit gleicher Vehemenz und Endgültigkeit das Ende der Braunkohlekraftwerke verkündet?

OK, zugegeben. Zwischenzeitlich im Juni des Jahres 2018 hat man sich auf die Gründung einer Kohle Kommission geeinigt. „Ehrgeiziger Zeitplan, unterschiedliche Interessen“ schreibt die Welt am 06. Juni 2018. Das Gremium umfasst 31 Mitglieder. Frau Merkel war beim Atomausstieg ganz allein!

Wenn die Braunkohleförderung eingestellt wird, sind ca. 21.000 Arbeitsplätze gefährdet. Wenn der Meeresspiegel weiter ansteigt steht Hamburg mit 1,8 Millionen Einwohnern unter Wasser. 

In der heutigen wirtschaftlichen Lage wäre es relativ leicht, für die wegfallenden Arbeitsplätze in NRW und in der Lausitz Alternativen zu finden. Wenn nicht heute, wann dann?

Jetzt werden wir mal wieder politisch: es geschieht nichts, weil da zu viele Stammwähler gewisser Regierungsparteien sitzen.

Dabei wäre es ganz einfach: mehr Gaskraftwerke bedeutet mehr Gasturbinen aus der Siemens Fabrik in Görlitz, die heute vor dem Aus steht. Ergo: dort würden bestehende Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen. Mehr Phantasie und Mut meine Damen und Herren Politiker!

(30. Juli 2018/ 6. August 2018)